Wir in der Bildungsregion: Die Kulturagentin Lena Widmann

Interview vom 16. Mai 2017

Marianne Müller: Stellen Sie bitte Ihr Aufgabengebiet kurz vor.
Lena Widmann: Ich bin Kulturagentin in Baden-Baden. Die Stadt nimmt mit drei Schulen am Förderprogramm „Kulturagenten für kreative Schulen Baden-Württemberg“ teil. An der Werkrealschule Lichtental, der Theodor-Heuss-Grund- und Werkrealschule und an der Realschule, begleite ich in diesem Rahmen die Entwicklung von Kulturfahrplänen und die Umsetzung von künstlerischen Projekten.
Ziel ist es, Neugier bei den Kindern und Jugendlichen zu wecken, Teilhabe zu ermöglichen und die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur zu fördern. Wir sind dabei, langfristige Kooperationen zwischen den Schulen und den Baden-Badener Kulturinstitutionen aufzubauen. Dabei gehen die Schüler*innen raus der Schule, erkunden die Kultureinrichtungen ihrer Stadt oder arbeiten in der Schule regelmäßig mit professionellen Künstlerinnen und Künstlern zusammen.

Marianne Müller: Und welche Art Angebote gibt es dann da? Haben Sie vielleicht ein paar Beispiele, was dort gemacht wird? Wie man sich das vorstellen kann?
Lena Widmann: Es handelt sich dabei nicht um typische Angebote aus dem bestehenden Repertoire der Kulturinstitutionen. Die Themen und Projektformate werden von der jeweiligen Schule aus gesetzt und gestaltet. Wir entwickeln zusammen einen so genannten „Kulturfahrplan“, in dem die Schule für die nächsten Jahre festlegt: Welche Vision haben wir? Welche Ziele wollen wir erreichen und wie möchten wir das schaffen? Auf diesem Weg entstehen einzelne Projekte in allen möglichen Sparten. Die Schüler*innen sind in den Prozess der Ideenfindung eingebunden. Genauso wie das Lehrerkollegium. Deshalb sind die Kulturfahrpläne und Projektformate ganz unterschiedlich.

Marianne Müller: Und wie sieht dann so ein Fahrplan aus?
Lena Widmann: (Zeigt als Beispiel den Kulturfahrplan der Theodor-Heuss-Schule) Die THS zum Beispiel hat die wichtigsten Aspekte ihres Kulturfahrplans in einer Zeichnung zusammengefasst: Der Baum, der hier zu sehen ist, wurzelt in Kooperationen, schulischen Strukturen, einem engagierten Kollegium, interessierten Schülerinnen und Schülern und deren offenen Haltung gegenüber Kunst und Kultur – daraus bezieht er seine Energie. Den stabilen Stamm bilden die Kulturpartner, in diesem Fall das Museum LA8, das Theater Baden-Baden, die Kunsthalle usw. Mit ihnen zusammen wurden langfristige Projektformate entwickelt, die die Baumkrone stützen. Und was am Ende blüht und fruchtet sind eben die einzelnen Projektangebote, an denen die Schülerinnen und Schüler teilhaben können. Die Theodor-Heuss-Schule hat sich hier zwei Schwerpunkte gesetzt: „Kunst und Bewegung“ und „Musik und Medien“.
An der Werkrealschule Lichtental steht das große Thema „Raum“ im Vordergrund. Mit Räumen aller Art beschäftigt sich die Schule vier Jahre lang. Das bedeutet viel Offenheit – in alle Richtungen zu schauen, also den Stadtraum erkunden, Räume gestalten oder auch Zeiträume, genauso wie plastisches Arbeiten oder Weltraumgeschichten erfinden, … Der Plan ist also etwas, das Struktur gibt, aber sehr viel Freiraum für eigene Ideen lässt.

Marianne Müller: Haben Sie irgendein Projekt, das Ihnen noch besonders in Erinnerung ist?
Lena Widmann: Erst kürzlich haben wir ein Projekt mit der WRS Lichtental und der Stadtbibliothek abgeschlossen. Der Titel war „bücher(t)räume“ und die achte Klasse bekam die Möglichkeit, die neuen Räume der Jugendmedien@age zu gestalten. Diese neue Zusammenarbeit hat sehr gut funktioniert und wird auf jeden Fall in Folgeprojekten fortgeführt und gefestigt. Beteiligt waren außerdem die Baden-Badener Autorin Katrin Zipse und die Karlsruher Künstlerin Bronislava von Podewils. Sie haben die Schüler*innen künstlerisch angeleitet. In der Schreibwerkstatt mit Katrin Zipse entstanden eigene Geschichten zu „Traumräumen“ und „Erinnerungsräumen“. Wunderschöne Erzählungen, die die Leser sehr berühren.
Elemente aus diesen Geschichten wurden später zusammen mit Bronislava von Podewils aus farbiger Wellpappe in Schichten gebaut und zu den Themen in der Bibliothek in Bezug gesetzt. Außerdem wurden Paravents gestaltet, die „Gefühlsräume“ bestimmen. In der Bibliothek sind die Objekte zusammen mit den Geschichten präsentiert. Es ist sehr schön zu sehen, dass andere Jugendliche diese neuen Räume annehmen und sich mit den Geschichten auseinandersetzen. Die Idee, die Jugendmedien@age von Jugendlichen für Jugendliche gestalten zu lassen, ist „vielschichtig“ und erfolgreich umgesetzt worden.

Marianne Müller: Welche Inhalte werden den Kindern und Jugendlichen bei solchen Projekten vermittelt?
Lena Widmann: Inhalte wie man sie in Form von Unterrichtsthemen kennt, sind nicht vorgegeben. Wie gesagt, werden die Ideen mit den Schülerinnen und Schülern zusammen im Verlauf der Projekte entwickelt. Und man kann ja auch mit jedem Thema arbeiten… es geht ums ‚Wie‘. Es geht darum, künstlerisch zu handeln, selbst kreativ und künstlerisch aktiv zu werden.
Im Matheunterricht beispielsweise wird das logische, analytische vielleicht auch abstrakte Denken erlernt. Bei der künstlerischen Herangehensweise wird grundsätzlich die Wahrnehmung geschult. Hier steht kreatives und verknüpfendes Denken im Vordergrund. Neben der Sprache werden viele andere Ausdrucksmöglichkeiten geboten – auch um Gedanken und Gefühle zu formulieren, die sich vielleicht nicht in Worte fassen lassen.
Bei der Projektarbeit spielen noch weitere Elemente rein: Persönlichkeitsbildung und Selbstbewusstsein, zum Beispiel durch das Auftreten bei Theaterstücken oder das Präsentieren mit Mikrofon. Klassenzusammenhalt, Teamarbeit und soziale Kompetenzen werden in den Projektgruppen gefördert.

Marianne Müller: Gemeinsam etwas schaffen oder erschaffen?
Lena Widmann: Ja, Kooperation ist auf allen Ebenen ein zentraler Teil des Programms. Vor allem auch in Kommunikation mit Anderen, außerhalb des unmittelbaren Umfelds. Es ist immer sehr interessant für die Schüler*innen, die Künslter*innen kennen zu lernen, zu sehen, wie die überhaupt sind, was die machen und was es eigentlich alles gibt.

Marianne Müller: Und das heißt, es geht dann weniger um das Erlernen von Techniken, sondern eher um eine Haltung und um Persönlichkeitsentfaltung?
Lena Widmann: Es ist doch immer eine Mischung aus beidem. Die Schulen setzen gerne den Fokus auf Techniken und Materialien, die sie alleine in der Schule nicht anbieten können. Zum Beispiel besondere Drucktechniken wie Radierung oder Linolschnitt, für die es in der Schule nicht genügend Platz und Geräte gibt. Oder auch im Bereich des plastischen Arbeitens. Eine sechste Klasse aus Lichtental hat letzthin im Alten Dampfbad mit Beton gearbeitet. Das war das erste Mal, dass die Schüler*innen mit diesem Material in Berührung kamen.

Marianne Müller: Und wie erleben Sie die Kinder oder die Jugendlichen bei den Angeboten?
Lena Widmann: Also immer ganz offen, für alles eigentlich. Manchmal mit etwas Anlaufzeit, aber sobald sie die Künstler*innen kennenlernen und im Arbeiten sind, sind alle Bedenken verflogen. Erstaunlicherweise werden Sachen schnell angenommen, wo Erwachsene oft Vorurteile haben… Zum Beispiel, wenn es ums Geschichten schreiben geht oder auch beim Poetry Slam. Man hört immer wieder: „Das macht denen keinen Spaß, die schreiben nicht gern“. Aber wenn es möglich ist, etwas Eigenes zum Ausdruck zu bringen, merkt man, dass die Schüler*innen das wirklich wollen und gerne machen.

Marianne Müller: Sie schreiben also über das, was sie wirklich berührt oder was ihnen wirklich wichtig ist?
Lena Widmann: Genau. Das läuft dann einfach, da haben die Lust drauf. Genauso auf Malen oder auf Theater. Sie nutzen jede Gelegenheit sich mit den Profis, die die Projekte leiten, auszutauschen.

Marianne Müller: Aber das ist doch auch wirklich interessant, dass sich diese Zuschreibungen, die die Schüler erfahren, zum Beispiel „der schreibt nicht gern, der hat es nicht mit Texten“, dass sich die dann für die Schüler auch auflösen, weil sie selbst erleben „Ich kann das doch, auch wenn ich in Deutsch immer eine Vier habe“.
Lena Widmann: Ja, das war auch gerade am Projekt „bücher(t)räume“ ganz interessant, weil es im selben Zeitraum stattgefunden hat, wie die Vergleichsarbeiten in Klasse 8 (VERA 8). Diese Arbeiten prüfen den Kompetenzstand der Schüler*innen in Bezug auf die Bildungsstandards. Da gab es einen starken Bruch, zwischen der Projektarbeit und der Unterrichtssituation. Im Projekt haben die Schüler*innen selbstbewusst agiert und sich beim Schreiben viel getraut und zugetraut. Beim Schreiben an den Vergleichsarbeiten fühlten sie sich schlecht, obwohl es um das gleiche Mittel ging.
Alles was sie in den Projekten lernen, ist auch im Unterricht wichtig, aber es wird ganz anders empfunden. Es ist eine andere Art des Aneignens.

Marianne Müller: Und es bringt dann Selbstvertrauen für die Kinder, wenn es auf einer anderen Ebene klappt?
Lena Widmann: Ja, ich glaube, das ist ganz wichtig.

Marianne Müller: Für uns als Bildungsbüro geht es ja auch immer um das zentrale Thema „Chancengleichheit“ und „Zugänge zu bildungsfernen Familien“ und die Frage „Wie können wir Kinder und Jugendliche erreichen, die einfach andere Zugänge noch brauchen?“ Das ist mit diesem Ansatz ja wirklich gelungen.
Lena Widmann: Ja. In der Schule sind eben alle Kinder und Jugendlichen. Und deshalb ist das Kulturagenten-Programm auch an den Schulen angesiedelt.
Die Stadt Baden-Baden hat ganz am Anfang des Programms im Schuljahr 2011/12 bewusst die Werkrealschulen und die Realschule ausgewählt, um Schüler*innen zu erreichen, die nicht unbedingt durch die Familie mit Kunst und Kultur in Berührung kommen.

Marianne Müller: Zu sehen, dass die Kinder und Jugendlichen wirklich begeistert dabei sind und man etwas bewegt, das macht auch Spaß, oder?
Lena Widmann: Ja, klar. Das freut mich und es ist auch oft von den Lehrerinnen und Lehrern zu hören, wie schön die Arbeit in den Projekten ist. Ich selbst bin immer im Dazwischen – im Gespräch mit den Kulturbeauftragten der Schule, den Vertretern der Kulturinstitutionen und meinen Ansprechpartnern in der Stadt. Ich bin eigentlich nicht so sehr in die Projekte eingebunden und kann leider nicht immer dabei sein. Das ist schade, aber die Arbeit im Hintergrund ist ja auch wichtig.

Marianne Müller: Welche Ausbildung haben Sie?
Lena Widmann: Ich habe eine Ausbildung zur Foto- und Medientechnischen Assistentin gemacht. Danach habe ich in Bozen in Italien Design studiert und als freiberufliche Gestalterin gearbeitet.
Design oder die Arbeit als Gestalterin hat sehr viele Schnittmengen mit der Arbeit als Kulturagentin. Zunächst von außen auf eine Sache zu blicken und neue Verknüpfungen, Strukturen und Formen zu sehen oder zu erfinden, ist beides mal zentral, denke ich. Neben der Konzeptarbeit gibt es auch bei der Beratung oder Begleitung, beim Projektmanagement und der Team- und Netzwerkarbeit viele Ähnlichkeiten.

Marianne Müller: Wir stellen ja auch immer die Frage, ob die Einrichtungen kooperieren mit anderen. Aber das ist beim Kulturagentenprogramm natürlich fester Bestandteil.
Lena Widmann: Ja, wir sind natürlich gut vernetzt mit Schulen, Kulturinstitutionen und Stadtverwaltung. Gerade wird gemeinsam überlegt, wie sich die Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Programm von weiteren Schulen und Kooperationen in der Stadt nutzen lassen.

Marianne Müller: Um es nochmal kurz zusammenzufassen – warum ist das Kulturagentenprogramm als Bildungsangebot so wichtig?
Lena Widmann: Das Kulturagenten-Programm vernetzt und schafft dadurch neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Es weckt Begeisterung für Kunst und Kultur und bringt Freude am gemeinsamen kreativen Arbeiten. Es basiert auf der professionellen und qualitätsvollen Arbeit der Künstler*innen und Kulturinstitutionen. Es unterstützt wichtige gesellschaftliche Werte und bringt neue Impulse für Veränderung.

Bildquelle: Lena Widmann / Kulturagentin Baden-Baden

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